Der Versuch einer Analyse von Andreas Hofmeister
Kaum eine Erzählung wird in der westlichen Gegenwart so gern politisch instrumentalisiert wie die Geschichte von der Geburt Jesu. Ausgerechnet jene Aktivisten, die sonst jede historische Einordnung als „kontextsensibel“ einfordern, legen die Weihnachtsgeschichte heute bedenkenlos durch die Brille postkolonialer Ideologie aus.
So werden Maria und Josef zu vertriebenen Flüchtlingen verklärt, Bethlehem zur Metapher globaler Migrationskrisen – und Jesus selbst wird zum „Palästinenser“ umdeklariert. Was dabei entsteht, ist keine Auslegung, sondern einegeschichtsverzerrende Projektion moderner Identitätspolitik in die Antike.
Maria und Josef waren keine Flüchtlinge
Beginnen wir mit dem Offensichtlichen. Maria und Josef befanden sich zur Zeit der Geburt Jesu nicht auf der Flucht, sondern auf einer von der Verwaltung angeordneten Reise innerhalb ihres Landes: Die römische Volkszählung diente der Steuererfassung; sie betraf alle Untertanen des Reiches und hatte nichts zu tun mit einer Vertreibung oder Verfolgung.
Der moderne Flüchtlingsmythos ist hier vollkommen fehl am Platz. Für den Flüchtlingsbegriff braucht es Nationalstaaten, Grenzen, Asylrecht und politische Verfolgung – das sind alles Konzepte der Neuzeit. Im Römischen Imperium waren Bewegungen innerhalb des Reiches alltäglich. Wer daraus eine Fluchtgeschichte konstruiert, vertauscht historische Kategorien mit moralischen Symbolen.
Auch die oft beschworene Armutsszene – „kein Platz in der Herberge“ – wird regelmäßig missgedeutet. Wahrscheinlich war die Herberge schlicht überfüllt. Soziale Ausgrenzung oder staatliche Unterdrückung lassen sich daraus nicht ableiten.
Jesus war kein „Palästinenser“
Noch problematischer ist die Behauptung, Jesus sei „Palästinenser“ gewesen. Zur Zeit Jesu existierte weder ein Land Palästina noch ein palästinensisches Volk. Die Region damals wurde bezeichnet als Judäa, Galiläa und Samaria. Der Begriff „Syria Palaestina“ wurde erst 135 n. Chr. nach dem Bar-Kochba-Aufstand von Kaiser Hadrian eingeführt – bewusst, um die jüdische Identität des Landes zu tilgen.
„Palästinenser“ war über viele Jahrhunderte hinweg kein ethnischer oder nationaler Begriff, sondern eine geografische Bezeichnung für alle Bewohner der Region – Juden, Römer, Christen, Heiden. Selbst im 20. Jahrhundert bezeichneten sich Juden als Palästinenser; jüdische Zeitungen trugen diesen Namen. Eine spezifisch arabisch-muslimische palästinensische Identität entwickelte sich erst sehr unter der Führung Arafats in den 1960ern.
Jesus war Jude. Ethnisch, religiös, kulturell. Er sprach Aramäisch, lebte nach jüdischem Gesetz, feierte jüdische Feste und verstand sich als Erfüller jüdischer Verheißungen. Ihn rückwirkend zu einem Palästinenser zu erklären, bedeutet nicht historische Präzisierung, sondern Identitätsraub. Und genau das geschieht durch ein linkes Identitäts-Denken, demzufolge man auf Mexikanerhüte oder Indianerkostüme bei Fasching verzichten soll. Wenn es hingegen darum geht, jüdisches Leben aus der Geschichte zu eliminieren, sind diese angeblich antifaschistischen „Nie-Wieder“-Linken an vorderster Front dabei.
Postkoloniale Projektionen statt Geschichte
Die Umdeutung Jesu zum antikolonialen Widerstandskämpfer gehört zu den beliebtesten Projektionen postkolonialer Theorien. Jesus wird zum Symbol des „globalen Südens“, Israel zum kolonialen Unterdrücker, Römer und Juden verschmelzen zu einer amorphen „Macht“.
Doch Jesus führte keinen politischen Befreiungskampf. Er lehnte Gewalt ab, entzog sich konsequent parteipolitischen Vereinnahmungen und kritisierte nicht „Israel“, sondern Fehlentwicklungen innerhalb des Judentums – in einer innerjüdischen Debatte, wie sie rabbinisch völlig normal war. Wer daraus einen antiisraelischen Aktivisten macht, ersetzt Theologie durch Ideologie.
Auch die Täter-Opfer-Umkehr ist bezeichnend. Juden erscheinen plötzlich als privilegierte Elite, als damalige wie heutige Unterdrücker. Historisch ist das Unsinn. Zur Zeit Jesu waren Juden eine beherrschte Minderheit im Römischen Reich. Der jüdische Aufstand endete in der Zerstörung Jerusalems, des Tempels und massiver Vertreibung. Die Vorstellung einer durchgängigen jüdischen Machtposition ist ein ideologisches Konstrukt.
Moralische Symbolpolitik statt historischer Wahrheit
Was all diese Deutungen verbindet, ist nicht Interesse an Geschichte, sondern das Bedürfnis nach moralischer Symbolik. Jesus wird zur Projektionsfläche heutiger politischer Kämpfe. Begriffe wie „Kolonialismus“, „Apartheid“ oder „ethnische Säuberung“ werden anachronistisch auf die Antike angewandt, bis sie ihre Bedeutung verlieren.
Diese Instrumentalisierung sagt weniger über Jesus aus als über die Gegenwart. Sie ersetzt historische Genauigkeit durch selektive Empathie. Jüdisches Leid – damals wie heute – wird relativiert oder ignoriert, während andere Narrative sakralisiert werden.
Wer Jesus zum Flüchtling oder Palästinenser erklärt, betreibt keine Aufklärung, sondern politische Mythologie. Geschichte wird dabei nicht erklärt, sondern umgeschrieben, um in das zeitgenössisch-postkoloniale Weltbild zu passen. Doch eine Weihnachtsgeschichte, die nur noch das bestätigt, was man glauben will, während alles andere ausgeblendet wird, verliert ihre Wahrheit.
Es braucht mehr historische Aufklärung – als Schutz vor ideologischer Vereinnahmung von Vergangenheit und Gegenwart.
In diesem Sinne wünschen wir frohe Weihnachten und eine besinnliche Zeit zwischen den Jahren.
