Ein Meinungsbeitrag unseres Mitglieds Markus Böhm
Es sind staunenswerte Geschichten, die schon seit Jahrhunderten erzählt werden: die Tollheiten der Bürger aus Schilda, auch Schildbürger genannt. Die berühmteste Geschichte dürfte die mit dem Rathaus sein – ein stolzer Bau, nur leider ganz ohne Fenster. Als Bürger ihr Rathaus einweihen wollen und dabei die Dunkelheit auffällt, kommt die Idee auf, das Licht der Sonne in Eimern oder Säcken einzufangen und ins dunkle Rathaus zu tragen.
Andere Episoden stehen dem kaum nach: Da wird Salz auf einem Acker ausgesät, in der Hoffnung, man brauche kein Salz mehr von außerhalb kaufen, sondern könne es selbst ernten. Oder der Grasbewuchs auf einer breiten Mauer soll von einer Kuh abgefressen werden – dumm nur, dass die Kuh mit einem Strick um den Hals von den Männern hochgezogen wird und dabei umkommt. Auch weitläufig bekannt: damit im Kriegsfall der Feind die Glocke nicht erbeuten kann, soll sie im nahegelegenen See versenkt werden – und damit man die richtige Stelle wiederfindet, ritzt man eine Kerbe oben ins Holzboot.
Immer wieder zeigt sich das gleiche Muster: Hirnrissig-blinder Aktionismus ersetzt Nachdenken und Logik.
Wer aber jetzt darüber lacht, sollte vorsichtig sein. Denn manches, was in Deutschland geplant, gebaut und beschlossen wird, wirkt wie eine Neuauflage des Schildbürger-Aktionismus – nur mit deutlich größeren Summen.
Vielleicht sind die Geschichten über die Schildbürger Geschichten des stillen Protestes gewesen, als man Kritik noch so verpacken musste, dass nicht einmal ein wütender Fürst den Protest verstand.
Moderne Schildbürgereien – Made in Germany!
In den Zeitungen unserer Schildbürger-Republik liest man so manches, das staunen lässt. Etwa dass an einer Frankfurter Schule ein 100 Jahre altes Treppengeländer bewacht wird, weil es nur 103 cm hoch ist, die „modernen“ Sicherheitsvorschriften aber eine Geländerhöhe von 110 cm vorschreiben. Und weil das Geländer nur 103 und nicht 110 Zentimeter hoch ist, sitzen zwölf Wachleute im Treppenhaus – für einen fünfstelligen Betrag wöchentlich.
Dieses Beispiel ist kein Einzelfall – es zeigt, wie die deutsche Seele tickt, wenn sie in Ämtern ihr Unwesen treibt. Wer imstande ist, Vorschriften zentimetergenau zu interpretieren und sich derart vor möglichen Versicherungsstreitereien zu fürchten scheint, bringt noch weit größere Schildbürgerstreiche zustande.
Hier unsere Liste:
Berlin-Brandenburg : Der Hauptstadtflughafen Berlin-Brandenburg ist eines der bekanntesten Symbole geworden. Fast ein Jahrzehnt Verspätung und Milliarden Mehrkosten, da die Brandschutzanlage nicht taugte. Ein Flughafen, der eigentlich fertig war – aber dennoch nicht in Betrieb gehen konnte. Das Problem war nicht das Bauen. Das Problem war das Denken und Planen davor.
Hamburg: Auch die Elbphilharmonie erzählt diese Geschichte: geplant mit 77 Millionen Euro, fertiggestellt für über 800 Millionen. Auch sie ist ein Wahrzeichen, das zeigt, wie Planung aus dem Ruder laufen kann, wenn Zuständigkeiten verschwimmen und Kontrolle zu spät greift.
Bundesregierung: Noch deutlicher wird das Muster bei der gescheiterten Pkw-Maut. Verträge wurden unterschrieben, obwohl das rechtliche Fundament brüchig war. Als der Europäische Gerichtshof das Projekt stoppte, war das Geld bereits gebunden. Am Ende zahlten die Steuerzahler – also wir –, ohne dass je ein Auto zur Kasse gebeten wurde.
Baden-Württemberg: Und wie ist das mit Stuttgart 21? Im November 1995 wurde das Projekt beschlossen, dann verzögerte sich alles um etliche Jahre, Baubeginn kam erst 2010 – und bis heute ist das Projekt noch nicht beendet, aber dafür sind die Kosten stetig gestiegen.
Das Steuerzahler-Schwarzbuch: Schilda lässt grüßen
Aber es sind nicht nur die bekannten, verspäteten oder überteuerten oder ganz gescheiterten Großprojekte, die für Fassungslosigkeit sorgen. Wer das „Schwarzbuch“ des Bundes der Steuerzahler kennt, dürfte das eine oder andere Déjà-vu-Erlebnis entdecken – auch vieles hier liest sich fast wie eine Handlungsanleitung für Schildbürger. So finden sich in den Schwarzbüchern der letzten Jahre:
- Radeburg in Sachsen: Eine Brücke für rund 900.000 Euro – gebaut, aber ungenutzt, weil die Anschlussplanung fehlt.
- Lorsch in Hessen: Eine frisch sanierte Brücke endet vor einem Zaun. Der Übergang existiert – nur nutzen kann ihn niemand. Fertig gebaut, praktisch gesperrt.
- Koblenz: Eine Klärschlamm-Anlage für rund 17,5 Millionen Euro. Das Problem: Es gibt nicht genug Material, um sie auszulasten. Die Anlage steht – und wartet.
- Baden-Baden: Eine Fahrradstraße wird eingerichtet – und kurz darauf wieder zurückgebaut. Planung, Umsetzung, Rückbau: alles auf Kosten des Steuerzahlers.
- Hamburg (nochmal ;-)): Ein Kunstrasenplatz für über 1,5 Millionen Euro, lange Zeit ohne nennenswerten Spielbetrieb – quasi ein Spielfeld ohne Spieler. Gebaut für Spieler, die nicht kamen.
Das sind keine Ausreißer. Es sind Beispiele eines Systems, das immer wieder dazu neigt, Projekte in Angriff zu nehmen, bevor es sie zu Ende gedacht hat. Wie beim Rathaus ohne Fenster wird erst gebaut – und dann überlegt, wie man das Ergebnis noch nutzbar machen kann.
Als Kontrast dazu: Großprojekte können funktionieren
Der Blick in andere Länder zeigt, dass es anders laufen kann – zumindest in der Umsetzung. Der Beijing Daxing International Airport wurde in rund fünf Jahren errichtet. Ein Mega-Flughafen für zig Millionen Passagiere – geplant, gebaut, eröffnet. Ohne jahrelange Verzögerungsschleifen.
Noch beeindruckender ist das Netz der China Railway High-speed: Tausende Kilometer Strecke, gebaut in erstaunlich kurzer Zeit. Wo Deutschland über einzelne Trassen jahrelang diskutiert, entstehen dort ganze Netze. Zugegeben: In China müssen keine demokratischen Prozesse berücksichtigt werden, Staat und Behörden können eisern ihre Ziele verfolgen.
Aber das Beispiel Japans zeigt, dass es auch demokratisch effizient geht. Der Shinkansen ist Synonym für Zuverlässigkeit. Verspätungen werden in Sekunden gemessen. Großprojekte wie die Magnetschwebebahn Chūō Shinkansen werden konsequent verfolgt – mit klaren Zuständigkeiten und langfristiger Planung. Und nach der Katastrophe von 2011, dem Tōhoku-Erdbeben mit nachfolgendem Tsunami, wurden Straßen, Schienen und Häfen in erstaunlicher Geschwindigkeit wiederhergestellt. Vielleicht nicht perfekt – aber auf alle Fälle funktional.
Der Unterschied zu Deutschland liegt dabei weniger im Geld oder im Können – sondern in Prozessen, Verantwortung und Prioritäten.
Zwischen Schilda und Staatskunst
Die Parallele zu den Schildbürgern ist mehr als eine Pointe. Sie beschreibt ein strukturelles Problem: Wenn Planung fragmentiert ist, Verantwortung diffundiert und politische Logik über fachliche gestellt wird, entstehen genau jene Situationen, die wie Satire wirken – aber Realität sind.
Die Schildbürger scheiterten nicht am Aufwand, sondern bereits am Ansatz. Sie arbeiteten fleißig – nur am falschen Problem.
Deutschland steht heute vor einer ähnlichen Frage: Hilft es, immer mehr zu investieren? Oder müsste man nicht zuerst klüger planen?
Denn eines zeigt die Geschichte aus Schilda sehr deutlich: Wer versucht, Licht in Säcken zu transportieren oder Wachleute vor alte Treppengeländer setzt, hat nicht zu wenig Mittel – sondern die falsche Idee.
